Apherese bei Post-COVID-Syndrom
Das Post-COVID-Syndrom (PCS, häufig auch Long COVID genannt) umfasst anhaltende oder neu aufgetretene Beschwerden nach einer SARS-CoV-2-Infektion. Zu den häufigen Symptomen gehören ausgeprägte Erschöpfung (Fatigue), Belastungsintoleranz bzw. Post-Exertional Malaise (PEM), Konzentrations- und Gedächtnisstörungen („Brain Fog“), Kreislaufbeschwerden, Atemnot, Schlafstörungen sowie Muskel- und Nervensymptome.
Die Ursachen des Post-COVID-Syndroms sind bislang nicht vollständig geklärt. Diskutiert werden mehrere, wahrscheinlich teilweise überlappende Mechanismen, darunter Veränderungen des Immunsystems und Autoimmunität, persistierende Entzündungsreaktionen, Störungen der Gefäß- und Endothelfunktion, Veränderungen der Gerinnung sowie möglicherweise eine Persistenz viraler Bestandteile.
Warum wurde Apherese bei Post-COVID untersucht?
Bei einem Teil der Patientinnen und Patienten wurden Veränderungen verschiedener immunologischer und vaskulärer Marker beschrieben. Hierzu gehören unter anderem Autoantikörper gegen G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (GPCR-Autoantikörper), Entzündungsmediatoren und Veränderungen von Gerinnungs- bzw. Endothelparametern.
Daraus entstand die Hypothese, dass extrakorporale Blutreinigungsverfahren bestimmte im Blut zirkulierende Faktoren reduzieren und dadurch möglicherweise Symptome beeinflussen könnten.
Diese pathophysiologischen Überlegungen sind wissenschaftlich interessant, bedeuten jedoch nicht, dass die betreffenden Faktoren nachweislich die Ursache des Post-COVID-Syndroms darstellen oder dass ihre Entfernung automatisch zu einer klinischen Besserung führt.
Was zeigen die bisherigen Studien?
Frühe Fallberichte, Fallserien und kleinere nicht kontrollierte Untersuchungen berichteten bei einem Teil der behandelten Patientinnen und Patienten über eine Besserung von Beschwerden nach therapeutischer Apherese oder Immunadsorption.
Auch in einer von unserem Zentrum durchgeführten Pilotstudie mit 20 Patientinnen und Patienten mit schwerem Post-COVID-Syndrom berichtete ein Teil der Behandelten über eine subjektive Verbesserung insbesondere von Fatigue, kognitiven Beschwerden und Kreislaufsymptomen. Parallel zeigten sich Veränderungen verschiedener Laborparameter, unter anderem von GPCR-Autoantikörpern, Entzündungsparametern und Lipiden.
Korth J. et al. A Single-Center Pilot Study of Therapeutic Apheresis in Patients with Severe Post-COVID Syndrome. Horm Metab Res. 2024;56:869–874. DOI: 10.1055/a-2445-8593
Da es sich um eine kleine, nicht randomisierte und nicht placebokontrollierte Untersuchung handelte, konnte daraus jedoch nicht abgeleitet werden, ob die beobachteten klinischen Veränderungen tatsächlich durch die Apherese verursacht wurden.
Inzwischen liegen randomisierte kontrollierte Studien vor
Die wissenschaftliche Datenlage hat sich seitdem wesentlich weiterentwickelt.
In einer 2025 publizierten randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Studie erhielten 50 Patientinnen und Patienten mit Post-COVID-Syndrom entweder sechs therapeutische Plasmaaustauschbehandlungen oder eine Scheinbehandlung. Zwischen beiden Gruppen zeigte sich kein signifikanter Unterschied hinsichtlich funktioneller Einschränkungen, Fatigue, Lebensqualität, neurokognitiver Beschwerden oder anderer untersuchter klinischer Endpunkte.
España-Cueto S. et al. Plasma exchange therapy for the post COVID-19 condition: a phase II, double-blind, placebo-controlled, randomized trial. Nature Communications. 2025;16:1929. DOI: 10.1038/s41467-025-57198-7
2026 wurden außerdem die Ergebnisse der randomisierten, Sham-kontrollierten IAMPOCO-Studie zur Immunadsorption veröffentlicht. 40 Patientinnen und Patienten erhielten in einem Cross-over-Design jeweils fünf Immunadsorptionen und fünf Scheinbehandlungen.
Die Immunadsorption konnte GPCR-Autoantikörper deutlich reduzieren. Trotz dieser biologischen Wirkung zeigte sich gegenüber der Scheinbehandlung jedoch keine signifikante Verbesserung der klinischen Symptomatik, unter anderem hinsichtlich funktioneller Einschränkung, Fatigue, Bell-Score, kognitiver Leistungsfähigkeit und Handkraft.
Damit zeigen mittlerweile zwei kontrollierte Studien, dass die Entfernung potenziell pathophysiologisch relevanter Plasmabestandteile bzw. Autoantikörper nicht automatisch mit einer klinischen Verbesserung des Post-COVID-Syndroms verbunden ist.
Aktuelle wissenschaftliche Bewertung
Nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft ist eine Wirksamkeit der Apherese oder Immunadsorption zur Behandlung des allgemeinen Post-COVID-Syndroms nicht belegt.
Die aktuelle deutsche Long-/Post-COVID-Leitlinie weist darauf hin, dass Verfahren wie Immunadsorption weiterhin wissenschaftlich untersucht werden.
Die bisherigen Ergebnisse schließen allerdings nicht aus, dass bestimmte, bislang noch nicht ausreichend charakterisierte Untergruppen von Patientinnen und Patienten anders auf immunmodulatorische oder extrakorporale Verfahren reagieren könnten. Hierzu sind weitere kontrollierte Studien mit einer besseren Charakterisierung verschiedener Post-COVID-Phänotypen erforderlich.

